Was ist los mit mir? – Warum Wissen über die Wechseljahre allein nicht reicht

Vor ein paar Tagen bin ich auf der Straße einer Bekannten begegnet, und wir kamen ins Gespräch über dieses und jenes. Als ich sie fragte, wie es im Job denn laufe, stellte sie ihre Einkaufstasche ab und schnaufte. Sie erzählte kurz, wie müde sie war und dass sie schlecht schlief – nicht immer, aber diese Nächte häuften sich. Sie verspüre auch so eine Ungeduld und Aggression, die sie nicht von sich kannte. Ihre Schilderung endete mit: „Was ist los mit mir?“
Diese Frage kommt mir so bekannt vor. Auch ich habe sie mir vor vielen Jahren gestellt. Auch mein Mann hat mich damals immer wieder einmal überrascht angesehen, wenn ich ihm mit gereizter Stimme unfreundlich geantwortet habe, und mich gefragt: „Was ist denn bloß los mit dir? So kenne ich dich gar nicht.“ Ich mich auch nicht, dachte ich, damals noch ratlos.
Schlechter schlafen als früher, schneller erschöpft sein und auf Kleinigkeiten gereizt reagieren: Das kann verunsichern und zu dieser Frage führen. Was ist da los, und ist das noch normal?
Für genau diese Frage habe ich den Wechseljahre-Kompass entwickelt. Ein Kompass zeigt dir nicht, welchen Weg du gehen musst. Er zeigt dir, wo du gerade stehst. Heute schreibe ich darüber, was mir dabei wichtig ist.
WISSEN NIMMT ANGST
Die Wechseljahre sind keine Krankheit, sondern eine Phase über mehrere Jahre. Die Hormone sinken nicht gleichmäßig wie auf einer Treppe. Sie schwanken in Wellen, mal stärker, mal schwächer. Deshalb kann sich ein Monat ganz anders anfühlen als der nächste.
Jede Frau erlebt diese Zeit anders. Eine Faustregel sagt: Etwa ein Drittel der Frauen hat starke Beschwerden, ein Drittel mäßige und ein Drittel kaum welche. Ich bin da skeptisch. Ich glaube, dass mehr Frauen Beschwerden haben, und vermute, dass viele Frauen, die kaum Beschwerden angeben, ihre Beschwerden einfach nicht mit den Wechseljahren in Verbindung bringen.
Warum ist Wissen über die Wechseljahre so wichtig? Wissen macht keine Hitzewallung kleiner. Aber es verändert, wie du ihr begegnest. Eine Übersicht aus 13 Studien zeigt: Frauen, die negativer über die Wechseljahre denken, berichten von mehr Beschwerden. Was dabei Henne und was Ei ist, ist noch nicht ganz geklärt. Fachleute in der Medizinzeitschrift The Lancet fordern trotzdem, Frauen gut und unabhängig zu informieren. Und die Wechseljahre als Teil des Älterwerdens zu sehen, nicht als Verfall.
WIE GEHT ES DIR DAMIT?
Kürzlich nahm ich an einem Meno-Kongress teil, auf dem eine App vorgestellt wurde, die es in Deutschland bald auf Kasse geben soll. Ein Bestandteil der App ist die kognitive Verhaltenstherapie. Daran mitgearbeitet hat Myra Hunter, emeritierte Professorin für Klinische Gesundheitspsychologie am King’s College London. In ihrem Vortrag sprach sie darüber, wie viel Einfluss es auf die Beschwerden hat, wie frau ihnen begegnet. Sie nannte auch Atemübungen, die helfen können, während einer Hitzewallung ruhiger zu bleiben. Auch wenn Atemübungen die Beschwerden nicht wegzaubern können: Es ist hilfreich zu wissen, was frau in dem Moment für sich tun kann.
Zwei Frauen können gleich viele Hitzewallungen haben. Die eine hat sich daran gewöhnt. Die andere schläft kaum noch und quält sich durch den Arbeitstag. In einer australischen Studie mit 206 Frauen hing das Wohlbefinden nicht an der Zahl der Hitzewallungen. Entscheidend war, wie stark sie den Alltag störten und ob die Frauen das Gefühl hatten, selbst etwas tun zu können.
Darum lautet die wichtigste Frage nicht: „Welche Beschwerden habe ich?“ Sondern: „Wie geht es mir damit?“ Wenn du magst, nimm dir jetzt zwei Minuten:
Was hat sich in den letzten Monaten verändert, im Körper, im Kopf, in deinen Gefühlen?
Was davon belastet dich am meisten?
Was hat dir bisher geholfen, und sei es nur ein bisschen?
Im Wechseljahre-Kompass gehen wir diesen Fragen mit einer ausführlichen Standortbestimmung nach. Viele Frauen sind überrascht, was dabei sichtbar wird.
Und wenn dich Beschwerden stark belasten: Sprich mit deiner Ärztin oder deinem Arzt. Du musst da nicht einfach durch.
DEINE AKKU-ANZEIGE
Stell dir vor, du hast eine Akku-Anzeige wie dein Handy. Früher war sie über Nacht wieder voll. In den Wechseljahren lädt sie oft langsamer, vor allem, wenn der Schlaf unruhig ist. Wer dann weitermacht wie bisher, fährt irgendwann auf Reserve.
Das ist keine Schwäche, sondern ein Signal. In Großbritannien berichten Frauen zwischen 45 und 54 von mehr Stress in der Arbeit als jede andere Altersgruppe. Genau in den Jahren, in denen sich auch der Körper umstellt. Bei vielen kommen Kinder dazu, die noch Halt brauchen, und Eltern, die Hilfe brauchen.
Was hilft, klingt einfach und ist im Alltag oft schwer:
Pausen machen, bevor du erschöpft bist, nicht erst danach.
Grenzen spüren und aussprechen. Ein Nein zu einem Termin kann ein Ja zu dir sein.
Bemerken, was dir Kraft gibt und was sie dir nimmt.
Das klingt alles sehr logisch und einfach, ist es aber nicht. Im Arbeitsalltag ist es mir anfangs nicht gelungen, mehr Pausen zu machen. Ich bin oft über meine Grenzen gegangen und war am Abend so erschöpft, dass nichts mehr ging. Ich wollte nicht, dass mein Arbeitgeber merkt, dass ich nicht mehr so viel leisten konnte und für meine Aufgaben länger brauchte.
Ehrlich gesagt hat mir diese Einstellung nicht gutgetan. Irgendwann war die Erschöpfung extrem spürbar. Ich kämpfte nicht nur mit schlechtem Schlaf und Leistungsdruck, sondern auch mit dem Mobbing einer Kollegin, die darin ihre Chance sah, mich endlich loszuwerden. Und ich bin in einen längeren Krankenstand geschlittert. War es das wert? Nein. Rückblickend habe ich aber genau das gebraucht, um endlich Dinge in meinem Leben zu ändern.
Was meine ich damit? Ich achte auf einen guten Start in den Tag. Ich mache mehr Pausen. Ich sage Nein, wenn ich merke, dass es mir zu viel wird. Ich achte auf ausreichend Bewegung. Und ich habe meine tägliche kreative Dosis von 30 Minuten. So finde ich eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit.
Wechseljahre und Arbeitsplatz sind ein Thema, dem ich schon einmal einen [Blogbeitrag](LINK EINFÜGEN) gewidmet habe. Wie sich Wechseljahresbeschwerden auf den Arbeitsalltag von Frauen auswirken, findet in Unternehmen nach wie vor viel zu wenig Beachtung. Gespräche mit anderen Frauen, die in der Arbeit mit Wechseljahresbeschwerden zu kämpfen haben, bestätigen meine Erfahrungen.
FREUNDLICH STATT STRENG
Viele von uns sind zu sich selbst strenger als zu jeder Freundin. „Stell dich nicht so an.“ „Das muss doch gehen.“ Kennst du diese Stimme?
Forscherinnen der Universität Melbourne haben untersucht, was Selbstmitgefühl bewirkt, also ein freundlicher Umgang mit dir selbst in schwierigen Momenten. Frauen mit viel Selbstmitgefühl fühlten sich von ihren Hitzewallungen deutlich weniger im Alltag gestört. Und das, obwohl die Hitzewallungen gleich häufig waren. Bewiesen ist damit noch nicht, dass Selbstfreundlichkeit Beschwerden lindert. Aber sie kann dir helfen, besser mit ihnen umzugehen.
Selbstfreundlichkeit heißt nicht, alles schönzureden, sondern dir zu sagen: „Ja, das ist gerade schwer. Und ich darf gut zu mir sein. Es ist okay.“
GEWICHT, FALTEN, ÄLTER WERDEN
Manche Veränderungen sind unangenehm. Die Hose zwickt, obwohl du nicht mehr isst als früher. Im Spiegel sind neue Falten. Und irgendwann merkst du: Ich werde älter.
Das darf wehtun. Annehmen heißt nicht, dass dir alles gefallen muss. Es heißt, dass du aufhörst, gegen deinen Körper zu kämpfen, und anfängst, mit ihm zu arbeiten.
Wie viel die eigene Haltung ausmacht, zeigt eine neue Übersichtsarbeit aus den Niederlanden vom Mai 2026. In zwei Langzeitstudien über neun und zehn Jahre blieben Frauen, die dem Älterwerden positiv begegneten, zufriedener. Bei einer negativen Einstellung sank das Wohlbefinden.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schwer es ist, mit all den Veränderungen locker umzugehen: Gewichtszunahme, Falten, Beschwerden, die eigene Endlichkeit. Das ist ziemlich viel an Herausforderung. Ich kenne keine Frau in meinem Umfeld, die das einfach so wegsteckt. Meiner Erfahrung nach braucht es Zeit, und die darf frau sich auch geben. Es ist ein Entwicklungsprozess und Teil des Älterwerdens.
Mir hilft es zum Beispiel, in Kontakt mit älteren Frauen zu sein, die gut mit dem Älterwerden umgehen und mir Vorbilder sind. Eine Shiatsu-Kollegin geht mit über 70 Jahren noch offen und neugierig durch die Welt. Und die Tante meines Mannes fährt mit 85 Jahren noch mit dem E-Bike auf die Berge, geht wandern und besucht Ausstellungen.
MUSS ICH NOCH SO VIEL LEISTEN?
Und dann ist da die Frage, die hinter vielem steckt: Muss ich noch so viel schaffen wie früher?
Viele Frauen in meiner Praxis messen sich an der Frau, die sie mit 35 waren. Die drei Dinge gleichzeitig erledigt hat, ohne Pause, bis spät am Abend. Wenn das nicht mehr geht, fühlt es sich an wie Versagen.
Vielleicht ist es aber eine Einladung. Wofür willst du deine Kraft einsetzen? Was ist dir wirklich wichtig? Und wer sagt eigentlich, dass dein Wert davon abhängt, wie viel du leistest?
Die Wechseljahre können eine Zeit sein, in der du klarer wirst. Weniger müssen, mehr wählen.
EIN KOMPASS FÜR DEINEN WEG
Wenn du dir diese Fragen nicht allein stellen möchtest, komm zum Wechseljahre-Kompass. In zwei Stunden bekommst du verständliches Wissen über die Wechseljahre und machst deine persönliche Standortbestimmung. Du lernst eine einfache Atemübung kennen und gehst mit deinen nächsten kleinen Schritten nach Hause. Drei Wochen später treffen wir uns noch einmal und schauen, was sich getan hat.
Online via Zoom: Dienstag, 10. November, 17:30–19:30 Uhr, höchstens 4 Teilnehmerinnen
In meiner Praxis in Wien: Montag, 16. November, 18:00–20:00 Uhr, höchstens 3 Teilnehmerinnen
Dieser Beitrag ersetzt keine ärztliche Beratung. Bitte besprich Fragen zu Beschwerden, Hormonen und Medikamenten mit deiner Ärztin oder deinem Arzt.
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