Das Gehirn in der Perimenopause - kognitive Einschränkungen
- Margot Freiler
- 15. Jan.
- 7 Min. Lesezeit

„Das Menopausengehirn ist kein Klacks“, schreibt die Neurowissenschaftlerin Dr. Lisa Mosconi in ihrem im April 2025 auf Deutsch erschienenen Buch „Das Gehirn in der Menopause“. Die Wechseljahre stellen nicht nur eine hormonelle, sondern auch eine neurologische Umbruchphase dar. Der Gehirnstoff-wechsel ändert sich, die Struktur des Gehirns, die Vernetzungen zwischen den Hirnregionen und auch die Hirnchemie verändern sich, und diese Umstellung beginnt schon in der frühen Perimenopause.
INHALT
MEINE ERFAHRUNGEN MIT DEN KOGNITIVEN EINSCHRÄNKUNGEN
„Das bin nicht ich! Ich erkenne mich nicht wieder!“ „Was ist nur los mit mir?“ Diese Sätze habe ich so oft in meiner perimenopausalen Phase gedacht und gesagt, manchmal sogar sehr laut und vrzweifelt, und diese Sätz beschreiben meine Erfahrung in dieser Phase so gut: Es verändern sich mein Körper, meine Psyche, mein Geist und ich kann es nicht einordnen.
Nach wie vor gibt es bei mir Tage, an denen mir das Formulieren und Beschreiben schwer fällt, weil mir Wörter nicht einfallen, obwohl ich in der Postmenopause bin und angeblich in dieser Phase nichts mehr von kognitiven Einschränkungen zu merken sein soll. Von der Konzentration gar nicht zu reden. Immer wieder habe ich mit Konzentrationsproblemen zu kämpfen, sie sind mir aus der Perimenopause geblieben. Es ist wieder ein wenig besser geworden, nur so gut wie meine Konzentration früher einmal war, ist sie einfach nicht mehr. Zum Glück geht es mir im Vergleich zu meiner perimenopausalen Phase bis auf diese erwähnten, punktuell schlechten Tage viel besser.
In der Perimenopause hatte ich von all dem keine Ahnung, ich wusste ja nicht einmal, dass ich mich in der Perimenopause befand, wie sollte ich dann einordnen können, was mit mir los war. Ich litt unter so rätselhaften Dingen wie Vergesslichkeit, Wortfindungsstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten, PMS, Gereiztheit und Stimmungsschwankungen. Durch mein Unwissen brachte ich die Symptome für einige Jahre nicht mit den Wechseljahren in Verbindung und sprach sie daher auch nicht bei der Gynäkologin an. Und sie stellte mir auch keine Fragen zu diesen Symptomen, obwohl sie hätte wissen müssen, dass bei einer Frau mit Mitte 40 wahrscheinlich hormonell bedingt Veränderungen stattfinden. Ich denke, wäre sie kompetenter in Bezug auf die Wechseljahre und ich besser informiert gewesen, hätte ich besser für mich sorgen können.
Ich befürchtete, ich würde meine Professionalität verlieren. Ich bin es gewohnt, Texte zu schreiben, Sätze zu formulieren, Geschichten zu schreiben, mit Worten zu arbeiten. Kurz gesagt, dieser Zustand, dass mir Wörter beim Schreiben oder Sprechen nicht einfallen, dass ich das Gefühl hatte, mein Wortschätz hätte sich reduziert und ich könne mich nicht mehr gut ausdrücken, machte mir Angst. Was war los mit mir? Ich war Mitte 40. Demenz, Alzheimer – diese Wörter schwirrten bedrohlich über mir. Dieser Zustand machte mir Angst, weil es immer schlimmer wurde. Zunächst konnte ich ab und an Dinge nicht benennen oder stand in einem Zimmer und wusste nicht mehr, was ich wollte, das beunruhigte mich noch nicht. Erst als sich die Konzentrationsprobleme und die Wortfindungsstörungen häuften und ich viele Sprechpausen machen musste, um in meinem Gehirn das gesuchte Wort zu finden, und erst als ich Gesprächen nicht mehr wirklich aufmerksam für längere Zeit folgen konnte, spürte ich eine leichte Panik in mir aufsteigen. Was war los mit mir? Das war nicht ich! Ich erkannte mich nicht wieder.
Mit der Zeit fand ich zumindest für die fehlenden Worte eine Lösung. Wenn es mir nicht einfiel, musste ich umschreiben, um zu erklären, was ich meinte. Im privaten Kontext hatte ich damit kein Problem, nur im beruflichen Kontext war es besonders belastend. Ich war nicht mehr so leistungsfähig. Ich saß stundenlang an Texten, in Meetings ergriff ich immer seltener das Wort aus Angst, mein leeres Gehirn könnte mich in eine peinliche Situation bringen. Das war wirklich sehr belastend.
Apropos Wechseljahre am Arbeitsplatz: Vor zwei Jahren fand in Deutschland und vor einem Jahr in Österreich eine Befragung von Frauen in den Wechseljahren statt, in der auch die Beeinflussung von Symptomen auf die berufliche Situation abgefragt wurden und wenig überraschend haben die Wechseljahre einen großen Einfluss auf Karriereentscheidungen, etwa dass Frauen im Job kürzer treten oder früher in Pension gehe. Ausführlicher habe ich dazu in einem Blogartikel im September 2025 geschrieben.
DAS WECHSELJAHRE-GEHIRN – DIE NOTHING BOX

Es gibt einen amerikanischen Comedian, Mark Gungor, der den Unterschied zwischen dem Gehirn eines Mannes und dem einer Frau erklärt. Natürlich sind sie seiner Meinung nach unterschiedlich und funktionieren auch unterschiedlich. Im Frauengehirn schwirrt und summt es, alles ist mit allem verbunden, das Männergehirn jedoch besteht aus Arealen, die untereinander nicht verbunden sind – er nennt sie „boxes“ im Englischen, es gibt eine Box fürs Auto, eine für die Kinder etc. und es gibt das Areal, das er als die „Nothing box“ bezeichnet. Dieses Areal wird laut dem Comedian von Männern oft angesteuert. Vor allem, wenn Frau anfängt zu sprechen. Er bedient natürlich Klischees, auf humorvolle Weise, und Humor kann Belastendem vielleicht ein wenig die Schwere nehmen. Daran denke ich nach wie vor, denn auch ich habe diese Nothingbox unfreiwillig kennen gelernt, obwohl ich eine Frau bin und es auch in meinem Gehirn gesummt hatte und Gedanken durcheinander gewuselt waren. Und dann ab Mitte 40: Da war es also, mein Wechseljahre-Gehirn.
WARUM SIND KOGNITIVE EINSCHRÄNKUNGEN EIN SYMPTOM DER WECHSELJAHRE?
Viele Jahre funktioniert der weibliche Körper beim Zyklus mehr oder weniger wie ein Uhrwerk. Beteiligt am Funktionieren sind vereinfacht gesagt: Östrogen, Progesteron und das weibliche Gehirn, von dem aus die Produktion von Östrogen in der 1. Zyklushälfte und Progesteron in der 2. Zyklushälfte gesteuert wird. Im Gehirn sind daran – wiederum vereinfacht dargestellt – der Hypothalamus und die Hypophyse und die Hormone FSH (Follikelstimulierendes Hormon) und LH (Luteinisierendes Hormon) beteiligt. Diese beiden Hormone geben sozusagen dem Eierstock Bescheid, dass die Produktion entweder von Östrogen (FSH) oder Progesteron (LH) angesagt ist. Schwierig wird es, wenn die Produktion der Hormone Östrogen und Progesteron in den Eierstöcken abnimmt, weil nicht mehr so viele Eizellen vorhanden sind. Der Hormonspiegel schwankt, mal dominiert das Östrogen im Verhältnis zum Progesteron, mal sind die Werte im Keller, ein Auf und Ab, das sich auch im Gehirn bemerkbar macht.
Die Rolle von Östrogen im Gehirn
Östrogen gilt als Hauptregulator der Stoffwechselprozesse sowohl im weiblichen Gehirn als auch im gesamten Körper. Es wird zwar in den Eierstöcken gebildet, jedoch befinden sich Östrogenrezeptoren, das sind die Andockstellen für den Botenstoff, im gesamten Körper, also auch im Gehirn - etwa im Hippocampus, der Amygdala und im Hypothalamus. Deshalb beeinflusst der Östrogengehalt auch jene Prozesse, die in diesen Hirnarealen gesteuert werden, also Gedächtnis, Emotionen, Schlaf-Wach-Rhythmus oder Körpertemperatur (Stichwort: Hitzewallungen).
Dr. Suzann Kirschner-Brouns erklärt in ihrem Buch „Die Kraft der Wechseljahre" die kognitiven Einschränkungen folgendermaßen: „Unter Östrogeneinfluss werden im Gehirn mehr Synapsen gebildet – das sind die Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen. Diese befinden sich unter Östrogeneinfluss dichter beieinander, dadurch können Informationen schneller weitergeleitet werden. Östrogenmangel hat einen direkten Einfluss auf neurophysiologische Vorgänge: Einerseits verringert sich die Anzahl der Synapsen, andererseits nimmt auch die Geschwindigkeit der Informationsübertragung von Nervenzelle zu Nervenzelle ab."
Was sagt die Forschung?
Dr. Mosconi, auch Leiterin des Alzheimer-Präventionsprogramms am Weill Cornell Medicine/NewYork-Presbyterian Hospitals, hat anhand von Gehirnscans bei Frauen in der Perimenopause, der Menopause und der Postmenopause sehr anschaulich die Veränderungen der grauen Substanz dargestellt: Das Volumen der grauen Substanz in Bereichen des Gehirns, die mit Aufmerksamkeit, Konzentration, Sprache und Gedächtnis zu tun haben, sei laut Mosconi bei menopausalen Frauen kleiner. Kein Wunder also, dass viele Frauen sich oft neben der Spur fühlen – und besorgt an Demenz und Alzheimer denken. „Was die Scans zeigen, ist Menopause und keine Demenz“, führt Mosconi weiter aus. Diese sei vor Mitte 60 äußerst selten. Sie bestätigt damit die Aussagen von Dr. Kirschner-Brouns, und dieses Wissen hat mich sehr beruhigt.
Ich kann das Buch von Lisa Mosconi sehr empfehlen, weil es gut verständlich geschrieben ist und mir dadurch Klarheit und Verständnis gegenüber den Vorgängen und Veränderungen während der Wechseljahre gebracht und mich deshalb auch beruhigt hat. Laut Mosconi wirkt sich im Hippocampus, der für das Lernen und das Gedächtnis wichtig ist, der Östrogenverlust auf Gedächtnis und Kognition aus. Die empfindsame Amygdala, emotionales Zentrum des Gehirns, wird gestört, der präfrontale Kortex, der an Entscheidungsfindung, Aufmerksamkeit, Multitasking und Sprache beteiligt ist, kommt durcheinander. Sogar der Hirnstamm, der den Schlaf-Wach-Zyklus in Schach hält, muss sich, so Mosconi, neu sortieren.
WAS HILFT IN DIESER PHASE?
Nachdem jede Frau ihre Wechseljahre individuell erlebt, sind auch Empfehlungen für die eine Frau vielleicht sehr hilfreich, für die andere hingegen aber wenig bis gar nicht. Wichtig ist es, sich und seinen Körper gut zu kennen und zu wissen, was er braucht und was gut tut.
Allgemein sind körperliche Betätigung, Entspannungstechniken, Achtsamkeitspraxis, wenig bis gar kein Alkohol sehr hilfreich. Kognitive Einschränkungen können etwa durch Stress und/oder schlechten Schlaf und Stimmungsschwankungen verstärkt werden. Daher kann eine Stressreduktion und die Verbessserung der Schlafqualität auch kognitive Symptome mildern.
Bei mir haben vier Dinge geholfen: Eine Hormontherapie - dadurch wurden meine Nächte und mein Schlaf wieder besser, ich war nicht mehr so erschöpft und stressanfällig. Auch Achtsamkeitsübungen kann ich sehr empfehlen. Zu den positiven Auswirkungen von Achtsamkeitspraktiken gibt es auch wissenschaftliche Studien, und regelmäßige körperliche Aktivität, sei es Yoga, Krafttraining, ein Spaziergang sind auch sehr unterstützend. Und zu guter Letzt auch ein bewusster und achtsamer Umgang mit dem Smartphone. Ich bin nicht ständig erreichbar, ich lese sehr bewusst und so selten wie möglich Nachrichten oder Mails, vor allem nicht am Morgen.
Was ich auch in den letzten Jahren, vor allem im letzten Jahr gelernt habe, ist Selbstfreundlichkeit und ein liebevoller, wohlwollender Umgang mit mir selbst. Ich begegne meinen kognitiven Symptomen mit Aufmerksamkeit, denn sie sind ein wertvoller Hinweis für mich, wieder achtsamer mir und meinen Bedürfnissen gegenüber zu sein.
Quellen:
Links:
Detaillierte Infos zur grauen Substanz unter: https://flexikon.doccheck.com/de/Graue_Substanz
Studien:
Bücher:
Lisa Mosconi: Das Gehirn in der Menopause. 4. Auflage. München: Dtv 2025
Suzann Kirschner-Brouns: Die Kraft der Wechseljahre. Wie wir die Menopause nutzen, um uns neu zu (er)finden. München: C.Bertelsmann Verlag 2024



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