Leben, das sich nach mir anfühlt
- Margot Freiler
- 30. Juli
- 5 Min. Lesezeit

Vor einiger Zeit, um genau zu sein, vor mehr als einem Jahr, habe ich folgende Erfahrung gemacht: Kreativität bringt mich zurück ins Spüren, ins Staunen, in meine eigene Lebendigkeit. Ich finde sie nicht, wenn alles fertig durchgeplant ist. Ich finde sie im Tun. In den kleinen Momenten, in denen ich mir erlaube, aufmerksam zu sein: den ersten Kaffee wirklich zu schmecken, einen Gedanken aufzuschreiben, auch wenn er unperfekt ist oder einen Spaziergang zu machen, ohne über Termine nachzudenken, sondern mit offenen Augen wahrzunehmen, was mir begegnet. Genau da beginnt meine Kreativität. Apropos kleine Momente: Mein kleiner Moment fand beim Malen statt, ohne Motiv, ohne Vorstellung, einfach, indem ich ausprobiert und mir gedacht habe: Egal, was da jetzt rauskommt, ich mache es einfach. Ohne Druck. Und DAS hat soviel Spaß gemacht, ich habe mich dabei so frei und lebendig und auch stark gefühlt, und eine Stimme in mir sagte: "DAS bist du, DAS ist auch ein Teil von dir." Aus diesem Vorhaben ist eines meiner schönsten Bilder entstanden, sage ich jetzt einmal, und ich bin da sicherlich sehr subjektiv ;-) Es hängt bei mir im Wohnzimmer und erinnert mich immer wieder an diesen freien Moment, in dem ich soviel Leichtigkeit gespürt habe.
Vor einigen Monaten habe ich in einem Podcast folgenden Satz gehört: „Leben, das sich nach mir anfühlt.“ Dieser Satz hat mich unerwarteterweise so berührt und in mir etwas ausgelöst. Einige Zeit konnte ich es gar nicht beschreiben, nur, dass er sich für mich so richtig angefühlt hat, dass ich genau das will: ein Leben, das sich nach mir anfühlt.
Was gleichzeitig bedeutete, dass ich es noch nicht führe, oder? Wenn ich es mir wünschte, fehlt es mir ja noch.
Dieser Satz hat etwas nach oben gespült, was lange Zeit unter der Oberfläche, im Unbewussten, gelebt hat. Der Satz hat mich nicht mehr losgelassen und ich habe begonnen, mir dazu Gedanken zu machen, habe versucht zu erspüren, was für Gefühle er auslöst und warum. Eine Sehnsucht – nur: eine Sehnsucht wonach?
WARUM GERADE JETZT
Es ist kein Zufall, dass dieser Satz gerade jetzt etwas in mir ausgelöst hat, mitten in den Wechseljahren. Diese Lebensphase ist von Natur aus eine Phase des Umbruchs. Der Körper verändert sich, spürbar, manchmal fühlt sich diese Veränderung extrem anstrengend an, viele Fragen kommen auf, Unsicherheiten, Wünsche, Abschiede, Loslassen, das Spüren der Endlichkeit des Lebens.
Die eigene Endlichkeit muss nicht bedrohlich sein, sie kann sogar klärend sein. Wenn ich weiß, dass meine Zeit begrenzt ist, verliert das „Irgendwann mache ich das“ seine Bedeutung. Irgendwann wird plötzlich sehr konkret.
Und dann stellt sich die Frage, der ich lange ausgewichen bin: Wie will ich meine Jahre eigentlich verbringen? Weiterhin in einem Leben feststecken, das mich krank und unglücklich macht – oder doch einer inneren Stimme folgen, die ich lange überhört habe? Und endlich das Leben leben, das sich nach mir anfühlt?
FUNKTIONIEREN IST NICHT DASSELBE WIE LEBEN
Ich glaube, viele von uns haben Jahrzehnte lang für andere funktioniert. Für die Familie, den Job, für Erwartungen, die irgendwann so selbstverständlich wurden, dass wir sie gar nicht mehr hinterfragt haben. Wir sind gut darin - verlässlich, stark, unentbehrlich.
Und dann, in den Wechseljahren, kommt oft eine Erschöpfung, die sich anders anfühlt als gewöhnliche Müdigkeit. Eine, die nicht nur mit Schlafmangel zu tun hat, sondern mit einem Leben, das nicht mehr passt. Ich habe erst nach einer langen Phase der extremen Müdigkeit es als Einladung meines Körpers sehen können. Mein Körper wollte mir etwas sagen, das ich mit dem Kopf allein nicht mehr hören konnte.
Die innere Stimme meldet sich selten laut. Bei mir war es kein Ruf, sondern ein leises Unbehagen. Ein Ziehen. Ein Gefühl, ständig für andere da zu sein, aber für mich keine Zeit zu haben.
KREATIVITÄT ALS KRAFTQUELLE
Der Gedanke, der mich seitdem begleitet: Nichts davon muss neu erfunden werden. Es ist längst da. Wie ein Samenkorn, das die ganze Zeit über in mir lag, nur unter harter trockener Erde. Die Wechseljahre haben diesen Boden aufgelockert. Nicht sanft und vorsichtig, sondern sie haben sich, ehrlich gesagt, sozusagen ohne Rücksicht durch diese Erde gepflügt. Und das zeigte Wirkung.
Und genau an diesem Punkt kommt für mich die Kreativität wieder ins Spiel – nicht als Hobby, nicht als „nice to have“, sondern als Kraftquelle. Als Weg zurück zu mir selbst. Kreativität erinnert mich daran, wer ich bin, bevor ich begonnen habe, mich anzupassen. Sie gibt mir Sicherheit, weil sie mir zeigt: Da ist noch jemand unter all den Rollen. Und diese Person kann ich wieder spüren, wenn ich ihr Raum gebe – im ersten bewusst getrunkenen Kaffee, in aufgeschriebenen Gedanken in meinen Morgenseiten, im Spaziergang ohne Termine im Kopf.
Da die Themen Kreativität und Achtsamkeit für mich in dieser Phase so wichtige Begleiter waren, denke ich, dass sie auch für andere Frauen in dieser Veränderungsphase sehr unterstützend sein können, daher bin ich dabei, einen Workshop dazu zu konzipieren, der im Herbst stattfinden wird. Dazu dann im September mehr :-)
EINE EHRLICHE STANDORTBESTIMMUNG
Bevor du weiterliest, eine ehrliche Frage an dich: Wo stehst du gerade wirklich?
Wie geht es dir im Job, in der Familie, in der Beziehung? Hast du Zeit für dich, oder bist du mehr für andere da als für dich selbst? Wann hast du dich zuletzt wirklich lebendig gefühlt – und was war da anders als heute?
Das sind keine Fragen, die man nebenbei beantwortet. Deshalb habe ich sie in eine kleine Standortbestimmung zum Herunterladen gepackt – zum Ausdrucken, in Ruhe ausfüllen, ehrlich mit dir selbst sein. Hier kannst du sie dir holen
WER BLEIBST DU WENN DU DEINE ROLLEN WEGLÄSST?
Eine Übung, die mich seit Wochen beschäftigt: Wenn ich all meine Rollen weglasse – Partnerin, Kollegin, Freundin – wer bleibt dann übrig? Kenne ich diese Person überhaupt noch?
Ich habe keine schnelle Antwort darauf. Aber ich glaube, genau in dieser Frage steckt der Anfang von einem Leben, das sich nach mir anfühlt. Nicht das Verneinen der Rollen – ich bin gerne Partnerin, Kollegin, Freundin. Sondern das Wissen darum, dass darunter noch jemand ist. Jemand, der nicht verschwunden ist, nur weil er lange nicht gefragt wurde.
KEIN FERTIGES FAZIT
Ich habe für diesen Artikel kein abschließendes Fazit. Die Frage, die Ursula Tücks in mir ausgelöst hat, ist noch offen. Vielleicht bleibt sie das auch noch eine Weile. Aber ich habe aufgehört, das als Problem zu sehen. Die Sehnsucht selbst ist schon eine Antwort – sie zeigt mir, wonach ich suche.
Wenn ich in fünf Jahren zurückblicke: Möchte ich sagen können, dass ich weitergelebt habe wie bisher? Oder dass ich angefangen habe, etwas zu verändern?
Ich weiß, wofür ich mich entscheiden will.
Und du?
Lade dir hier deine persönliche Standortbestimmung herunter und finde heraus, wo du gerade wirklich stehst.



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