Spätsommer in der TCM: Wenn die Erde erntet

Was für ein Sommer! Sommersatt, so hab ich mich nach diesen Sommermonaten gefühlt – nach Stunden am See, im Wald, auf der Alm, im Garten. Und jetzt, ganz leise, kündigt sich eine Veränderung an: Am Morgen die frische Luft, die Abende werden kühler, das Licht wird weicher, irgendwo zwischen den Blättern ist schon der erste Hauch von Herbst wahrzunehmen. Wer genau hinspürt, merkt: Die Natur verändert gerade ihren Rhythmus. Und mit ihr – ob wir wollen oder nicht – auch wir.
In der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) gibt es für genau diesen Übergang ein eigenes Konzept: die 5-Elemente-Lehre. Als Shiatsu-Praktikerin und Achtsamkeitstrainerin begleitet mich dieses Wissen seit Jahren – nicht als starres System, sondern als Landkarte, die mir hilft, die eigenen Bedürfnisse im Rhythmus der Jahreszeiten besser zu verstehen. Wir sind im Element Erde im Spätsommer angelangt. Was meine ich damit? Und was ist die 5-Elemente-Lehre überhaupt?
Was ist die 5-Elemente-Lehre überhaupt?
Die TCM beschreibt den Lauf des Jahres – und des Lebens – mit fünf Elementen: Holz, Feuer, Erde, Metall und Wasser. Jedes Element steht für eine Jahreszeit, für bestimmte Organe, Emotionen und Bedürfnisse. Nach dem Frühling (Holz) und dem Sommer (Feuer) kommt eine Jahreszeit, die im westlichen Kalender gar keinen eigenen Namen hat, in der TCM aber eine zentrale Rolle spielt: der Spätsommer, zugeordnet dem Erde-Element.
Du kannstdir das wie eine Pflanze vorstellen: Im Sommer wächst und blüht sie mit voller Kraft nach außen. Im Spätsommer trägt sie Früchte – jetzt wird geerntet. Diese Bewegung – von der Fülle des Sommers zur Ernte, zur Sammlung, zur inneren Ruhe – ist genau das, was gerade auch in uns beginnt.
Die Zeit der Erde
Das Erde-Element steht für die Mitte. Für Verdauung, Nährung, Stabilität. Für das Gefühl, gut in sich selbst zu ruhen. In der TCM ist die Erde mit Milz und Magen verbunden – den Organen, die dafür zuständig sind, aus dem, was wir aufnehmen, Kraft zu gewinnen.
Nicht nur beim Essen, auch bei Erlebnissen, Eindrücken und Gedanken.
Was jetzt wichtig ist: Die Mitte zu stärken. Nach einem oft turbulenten, ereignisreichen Sommer darf jetzt bewusst wieder Stabilität und Ruhe einkehren. Das zeigt sich auch emotional: Das Erde-Element ist mit Grübeln und Sorge verbunden – wenn wir zu viel im Kopf sind, zu wenig geerdet, kann sich das wie ein Ungleichgewicht anfühlen. Genau deshalb lohnt es sich, gerade jetzt innezuhalten und zu fragen: Was nährt mich wirklich? Dazu gibt es weiter unten im Artikel einen Achtsamkeits/Erdungsmoment für dich.
Ernährung im Spätsommer
Die Milz hat in der TCM weit mehr Aufgaben als ihr in der westlichen Medizin zugeordnet werden: sie steht für unsere gesamte Verdauungskraft. Wichtig: Die Milz verabscheut Feuchtigkeit und liebt Trockenheit. Kalte, rohe oder fettige Ernährung sowie eine feuchte Umgebung belasten sie unmittelbar.
Der Magen nimmt die Nahrung auf und leitet den Speisebrei nach unten weiter. Er liebt Regelmäßigkeit, Ruhe beim Essen und ausreichend Zeit. Der Magen mag wiederum keine Trockenheit.
Der Geschmack der Erde ist süß – aber natursüß, nicht zuckersüß. Was ist damit gemeint?
Gelbes und oranges Gemüse: Kürbis, Karotte, Süßkartoffel, Pastinake
Wärmendes Getreide: Hirse, Reis, Dinkel, Hafer (als warmes Porridge)
Natürlich Süßes: in Maßen getrocknete Früchte (Datteln, Feigen ...), gekochtes Obst
Gewürze: Ingwer, Zimt, Fenchel – wärmen die Mitte
Die Farbe des Erdelements ist Gelb – gelbe Lebensmittel passen also ideal in die Zeit des Erdelements. Gut, dass es schon Kürbisse zu kaufen gibt!
Meine wichtigsten Regeln, wenn es um Ernährung nach dem Sommer geht:
Warme, gekochte Speisen statt viel Rohkost – das unterstützt die Verdauung.
Von Natur aus süße Lebensmittel wie Kürbis, Karotten, Süßkartoffel, Hirse
Regelmäßige Mahlzeiten zu ähnlichen Zeiten, in Ruhe gegessen – das stärkt laut TCM die Mitte mehr als jedes einzelne „richtige” Lebensmittel.
Und sowieso immer wichtig:
Langsam kauen: die Verdauung beginnt im Mund
Essen ohne Ablenkung – kein Bildschirm, kein Stress
Mittagspause nutzen, wenn möglich eine kurze Ruhe nach dem Mittagessen
Was ich versuche zu vermeiden: Was die Milz am meisten schwächt: kalte Getränke, Rohkost in großen Mengen, Fastfood, zu viel Brot, Mahlzeiten auslassen und hastiges Essen.
Bewegung im Spätsommer
Sanfte, erdende Bewegung tut jetzt gut: Spaziergänge in der Natur, Qi Gong, Yoga mit Fokus auf den Bauch- und Beckenraum, oder einfach bewusstes, langsames Gehen und dem bewussten Aufsetzen der Fußsohlen auf dem Boden.
Achtsamkeitsübung: "Ein Erdungsmoment"
Eine kleine Übung für den Alltag: Stell dich für einen Moment hin, die Füße hüftbreit. Spüre bewusst den Kontakt deiner Fußsohlen zum Boden. Atme dreimal tief in den Bauch. Frag dich dabei: Was hat mich diesen Sommer genährt? Wofür bin ich gerade dankbar? Das ist im Grunde ein kleines, eigenes Erntedankfest – nur für dich.
Ein Rezept für die Mitte: Kürbis-Hirse-Suppe
Ein Gericht, das genau in diese Zeit passt – wärmend, mild süß, leicht verdaulich und köstlich :-):
Zutaten (für 2 Portionen): 300 g Kürbis (z. B. Hokkaido), 50 g Hirse, 1 kleine Zwiebel, 1 Karotte, 1 TL Ghee oder Butter, Gemüsebrühe, etwas Ingwer, Salz, ein Hauch Zimt.
Zubereitung: Zwiebel in Ghee andünsten, Kürbis und Karotte in Würfeln dazugeben, kurz mitdünsten. Hirse zugeben, mit Gemüsebrühe aufgießen und ca. 20 Minuten köcheln, bis alles weich ist. Mit dem Stabmixer pürieren, mit Ingwer, Salz und einem Hauch Zimt abschmecken. In Ruhe essen, am besten warm.
FAZIT
Der Spätsommer lädt uns ein, innezuhalten, bevor die nächste Jahreszeit beginnt: die eigene Ernte einzusammeln, die Mitte zu stärken, wieder in Ruhe anzukommen. Du musst nicht alles auf einmal umsetzen. Nimm dir einfach die eine kleine Sache mit, die dich gerade anspricht – sei es die Kürbis-Hirse-Suppe oder die Erdungsübung. Genau solche kleinen Rituale sind es, die uns durch den Jahreszeitenwechsel tragen.
Bald schon übernimmt die nächste Jahreszeit: der Herbst, in der TCM das Metall-Element. Dann geht es um Loslassen, um Klarheit – und ganz praktisch auch darum, wie du dein Immunsystem beim Temperaturwechsel gut unterstützt. Im nächsten Blogartikel nehme ich dich mit in diese Zeit.



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