Wie sprichst du eigentlich mit dir selbst? – Von der inneren Kritikerin zur inneren Verbündeten
- Margot Freiler
- 18. Juni
- 5 Min. Lesezeit

Vor ein paar Tagen habe ich meine Mutter im Krankenhaus besucht. Sie war noch ein wenig verwirrt und schwach - Nachwirkungen einer schweren OP und der Narkose. Sie versuchte sich wieder zu erinnern, wie ihr Smartphone funktionierte, was sie tun müsse, um telefonieren zu können. Als sie merkte, dass ich es nicht mehr wusste, machte sie eine abfällige Bemerkung über sich selbst. Ich zeigte ihr, was sie tun musste,
um jemanden anrufen zu können, um ihre Kontakteliste zu sehen. Sie probierte es wieder und es klappte. Sie wollte es noch einmal versuchen, und erinnerte sich nicht mehr – und wieder ein abwertender Satz sich selbst gegenüber, diesmal auch noch viel harscher, viel strenger: „Mein Gott, nicht einmal so etwas einfaches wie telefonieren kann ich!“
Es tat mir weh, zu hören, wie meine Mutter mit sich selbst sprach, wie sie sich sozusagen selbst beschimpfte und abwertete, und sie bemerkte es nicht einmal. Ich erinnerte mich auch daran, dass sie auch schon früher oft auf diese Weise mit sich selbst gesprochen hatte. Nicht nur jetzt im Krankenhaus, sondern viele Jahre, Jahrzehnte hindurch war sie streng zu sich selbst gewesen und war alles andere als wohlwollend mit sich umgegangen.
Ich bat sie, doch netter zu sich selbst zu sein, doch sie sah mich nur mit großen Augen an und antwortete:„Ja, wenn es doch wahr ist. Nicht einmal telefonieren kann ich!“
Ich saß da und dachte: Diese Sätze kenne ich. Nicht nur von meiner Mutter.
Ich kenne sie auch von mir.
BIS VOR EINIGEN JAHREN ...
Ich erinnerte mich auf dem Weg zurück nach Wien, wie bis vor einigen Jahren mein Umgang mit mir selbst gewesen war. Wenn ich zurückdenke an diese Zeit, in der ich voll in meinen Wechseljahresbeschwerden feststeckte und die schrecklichste Zeit meines Lebens erlebte, ist es auch die Zeit, für die ich sehr dankbar bin, weil sie mich gezwungen hat, mein Leben anzusehen, mich wirklich mit mir und meiner Lebensführung auseinanderzusetzen, daher verstehe ich und unterstütze ich im Rückblick auch die Aufforderung, die Wechseljahre als Chance zu sehen (was ich in jener Zeit nur als Hohn empfand). Für mich war es tatsächlich eine Chance und sie war lebensverändernd, nicht von heute auf morgen, sondern in kleinen Schritten. Was war geschehen? Bei meinen schlimmen Hitzewallungen, war mein Umgang mit mir selbst oft unerträglich. Ich dachte oft, voller Zorn: „Warum kapiert mein Körper nicht endlich, was los ist und stellt sich um? Warum reagiere ich so stark? Warum bin ich so unfähig?“
Ich war voller Ungeduld, voller Verachtung gegenüber meinem Körper, voller Verzweiflung. Und dieser unerträgliche Umgang zeigte sich nicht nur bei den Hitzewallungen. Ich war oft unfreundlich zu mir selbst. Wenn etwas nicht so klappte, wie ich es mir gewünscht hatte. Wenn ich etwas nicht so gut machte, wie ich es mir vorgestellt hatte. Wenn meine Erwartungen nicht erfüllt wurden. Dann fielen so Sätze wie: "Das ist wieder typisch! Das musste ja passieren! Ich bin so unfähig!"
DER MOMENT, DER ALLES VERÄNDERT
Eines Tages wurde mir folgender Vorschlag unterbreitet: Wenn du eine Hitzewallung hast, überlege, was davor passiert ist. Ob du dich geärgert hast. Ob du gestresst warst. Ob etwas in dir Spannung aufgebaut hat. Ich begann also bei jeder Wallung, wenn es möglich war, zu überlegen, was kurz zuvor passiert war und notierte, dass ich wütend war, weil ..., dass ich mich über mich geärgert hatte, weil ...., dass ich mich über xy geärgert hatte, usw. Nicht jede Wallung wurde durch eine Stresssituation ausgelöst, doch meine Notizen reichten aus, um mich ein Muster erkennen zu lassen, als ich sie nach ca. zwei Wochen wieder durchlas. Mir fiel erst beim Lesen auf, dass ich mich sehr oft über mich selbst geärgert hatte, kleine Missgeschicke konnten etwa eine Schimpftirade mir selbst gegenüber auslösen. In dem Moment begriff ich, dass diese Verhaltensweise mir ganz und gar nicht gut tat, und ich etwas ändern musste,
DEINE INNERE KRITIKERIN – LEISE, ABER WIRKUNGSVOLL
Diese kritische Stimme in uns ist nicht laut, sie schreit nicht, sie ist viel subtiler, sie kommentiert leise, sie bewertet - negativ, sie wertet ab. Jedes Mal, über Jahre. Und oft klingt sie vertraut. Gerade in den Wechseljahren, wenn sich so vieles verändert, wird diese innere Kritikerin oft noch stärker:
wenn der Körper sich anders anfühlt
wenn die Energie weniger wird
wenn Emotionen intensiver werden
wenn Schlaf nicht mehr gut funktioniert und Hormone Achterbahn fahren
Dann sind wir besonders anfällig für Selbstzweifel.
WORTE WIRKEN – AUCH DIE, DIE DU DIR SELBST SAGST
Unsere Gedanken sind nicht „nur Gedanken“. Sie beeinflussen, wie wir uns fühlen, wie wir handeln, wie wir durch den Tag gehen. Wenn dein innerer Dialog ständig kritisch ist, entsteht Druck, Enge, Erschöpfung. Und das spürt dein Körper sofort. Denn was wir uns sagen, beeinflusst, wie angespannt wir sind und wie wir atmen.
In jener heftigen Zeit hatte ich meine Shiatsu-Ausbildung und danach auch meine Ausbildung zur Achtsamkeitstrainierin begonnen. Shiatsu half mir, wieder eine gute Verbindung zu meinem Körper zu bekommen, und ich habe auch die Art, wie ich mit mir sprach, behutsam verändert.
Ich beobachte es immer wieder bei Klientinnen, dass sie nach regelmäßigen Shiatsu-Behandlungen sich selbst gegenüber viel aufmerksamer werden, mehr Pausen machen, sich viel öfter fragen, was sie in dem Moment brauchen und ihre Bedürfnisse besser wahrnehmen.
EIN ERSTER SCHRITT: WAHRNEHMEN STATT VERURTEILEN
Veränderung beginnt nicht damit, ALLES sofort umzukrempeln und nur mehr „positiv“ zu denken. Das ist sowieso unmöglich. Ein erster Schritt kann sein, einmal bewusst hinzuhören und zu beobachten:
Wie sprichst du mit dir, wenn etwas nicht klappt?
Welche Sätze wiederholen sich?
Würdest du so mit einem geliebten Menschen, einer Freundin oder einem Freund sprechen?
Allein dieses Wahrnehmen kann schon etwas verschieben. Wenn du möchtest, kannst du dir auch ein pdf mit Reflexionsfragen zu diesem Thema kostenlos auf meiner Website herunterladen und dich intensiver damit beschäftigen.
VON DER INNEREN KRITIKERIN ZUR INNEREN BEGLEITERIN
Es geht nicht darum, die innere Kritikerin „loszuwerden“. Sie hatte ja oftmals auch eine schützende Funktion. Aber du darfst lernen, ihr eine neue Stimme zur Seite zu stellen. Eine, die sagt:
„Ich darf Fehler machen.“
„Ich gebe mein Bestes.“
Diese Stimme ist am Anfang vielleicht leise - Aber sie ist da. Und du kannst sie stärken – mit Shiatsu, mit bewusstem Atmen, mit Achtsamkeitsübungen. Meine zwei Lieblingssätze, die in meinem Leben sehr viel Druck rausgenommen haben, sind: "Es ist okay, ich gebe mein Bestes" und wenn einmal etwas schiefgeht: "Das verzeihe ich mir am besten gleich selbst." Diesen Satz habe ich übrigens aus dem Bestseller von Karin Kuschik "50 Sätze, die das Leben leichter machen." Und er wirkt, ich habe es ausprobiert. Das klingt jetzt vielleicht seltsam oder nicht nachvollziehbar, so nach dem Motto: Wie soll ein Satz mein Leben verändern? Und doch ist er einer meiner Bausteine zu einem wohlwollenden und freundlichen Umgang mit mir selbst gewesen.
ZUM MITNEHMEN
Bei dem Besuch meiner Mutter im Krankenhaus habe ich etwas verstanden: Wir hören ein Leben lang Stimmen. Doch welche wir in uns weitertragen – das können wir beeinflussen.
Es gibt eine alte indianische Weisheit, die in in etwa so geht: Ein alter Indianer saß mit seinem Enkelsohn am Lagerfeuer. Es war schon dunkel geworden, eine laue Sommernacht, und das Feuer knackte, Der Alte sagte nach einer Weile des Schweigens: "Weißt du, wie ich mich manchmal fühle? Es ist, als ob da zwei Wölfe in meinem Herzen miteinander kämpfen würden. Einer der beiden ist rachsüchtig, aggressiv und grausam. Der andere hingegen ist liebevoll, sanft und mitfühlend."
"Welcher der beiden wird den Kampf um dein Herz gewinnen?", fragte der Junge.
"Der Wolf, den ich füttere", antwortete der Alte.
In diesem Sinne: sei freundlich zu dir selbst, du darfst Fehler machen und ich bin sicher, du gibst dein Bestes!



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